Programmpunkt

16:45–17:00

Titel: Biomarker des neuronalen Zelltodes nach generalisierten und fokal zu bilateral tonisch klonischen Anfällen
ID: FV 02
Art: Abstractvortrag
Session: Freie Vorträge I

Referent: Robert D. Nass (Bonn/DE)


Abstract - Text

Einleitung: Die Frage, ob epileptische Anfälle beim Menschen zum Tod von Gehirnzellen führen, wird seit Jahrzehnten diskutiert. Mittlerweile sind sehr sensitive Messungen von Biomarkern des glialen- und / oder neuronalen Zelltodes verfügbar, u.a. Tau, Neurofilament Protein Light (NFL), saures Gliafaserprotein (GFAP) und Ubiquitincarboxyterminale Hydrolase L1 (UCHL-1). In der vorliegenden Studie wurden diese Serum-Marker zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach generalisierten und fokal zu bilateral tonisch klonischen Anfällen gemessen und mit der Anfallsdauer, EEG-Merkmalen und Markern entzündlicher und metabolischer Stressreaktionen untersucht .

Methoden: Erwachsene Patienten (> 18 Jahre) der Epilepsieüberwachungseinheit wurden nach schriftlicher Einwilligung in die Studie aufgenommen. Blutproben wurden zu Beginn und unmittelbar nach einem generalisierten oder fokalen zu bilateral tonisch klonischen Anfall sowie nach 2, 6 und 24 Stunden entnommen. Neben anderen, bereits veröffentlichten  Laborparametern, wurden die vier Marker für den Tod neuronaler Zellen oder Gliazellen in gefrorenen Proben mit einem Einzelmolekül-Array gemessen. Die Daten wurden mit dem Friedman-Test mit Dunns Post-hoc-Test für wiederholte, nicht parametrische Daten sowie mit Korrelation nach Pearson analysiert . P-Werte <0,05 wurden als signifikant angesehen.

Ergebnisse: 20 Patienten mit 20 Anfällen wurden eingeschlossen. Alle vier Marker zeigten postiktual subtile, aber signifikante Anstiege und normalisierten sich innerhalb der nächsten Stunden wieder (p <0,05; siehe Abbildung 1). Ein Anstieg von mindestens 100% gegenüber den Basiswerten wurde bei 30% der Patienten für Tau, 25% für UCHL-1 und 15% für GFAP festgestellt, während die NFL-Werte nie über 100% anstiegen. Insgesamt wurden somit in 50% aller Fälle dezente Hinweise auf einen stattfindenden Zelltod im Gehirn gefunden. Interessanterweise bedeute der Anstieg eines Markers keinen Anstieg der anderen. Auch die Dauer des Anfalls korrelierte nicht mit dem Anstieg. Patienten mit postiktualer generalisierter EEG-Suppression (n = 10 pro Gruppe) unterschieden sich nicht von Patienten mit anderen EEG-Mustern. Laktat war leicht mit der Tau-Erhöhung korreliert (r = 0,47, p = 0,037), Leukozyten waren robust mit postiktualen Veränderungen von NFL (r = 0,51; p = 0,022) und von GFAP korreliert  (r = 0,68; p = 0,001).

Schlussfolgerungen: Unsere Daten stützen die Annahme, dass neuronaler und glialer Zelltod nicht nur im Status epilepticus auftritt, sondern auch bei selbstlimitierten, generalisierten und fokalen zu bilateral tonisch klonischen Anfällen. Dies könnte durchaus  das neuronale Netzwerk verändern und somit das Dogma "Anfälle erzeugen Anfälle" stützen. Ein Maß der postiktualen Entzündungsreaktion korrelierte mit dem Anstieg der Zelltodmarker. Hoch sensitive Messungen von Zelltodmarkern scheinen geeignet, um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Entzündung und Zelltod bei epileptischen Anfällen zu untersuchen.